Darauf dürften sich alle einigen können: Ein neues Album von Sophie Hunger ist erst einmal ein Grund zur Freude, hat sich die in der Schweiz geborene Weltbürgerin doch mit ihren bisherigen fünf Platten als herausragend talentierte Musikerin zwischen Singer-Songwriter-Folk, düsterem Chanson und Jazz etabliert. Weniger harmonisch dürften allerdings die Reaktionen auf die tatsächliche Musik ihres jüngsten Werks ausfallen, denn Hunger richtet sich auf “Molecules” neu aus. Inspiriert von ihrer neuen Wahlheimat Berlin macht sie jetzt “Minimal Electro Folk”, wie sie es selbst nennt. Synthies und Drumcomputer bestimmen das Soundbild, synthetische Stoffe von Plastik bis Zelluloid bilden das inhaltliche Leitmotiv. “In deinen Sünden Trost zu finden / Berlin, Du deutsches Zauberwort”, sinniert die vielsagend betitelte Widmung “Electropolis” und stellt damit die Frage in den Raum: Hat die als Hipster-Höllenloch verschriene Hauptstadt eine ehemals ehrliche Künstlerin ihrer Seele beraubt oder sie im Gegenteil, wie vor ihr schon David Bowie oder Tocotronic, zur Höchstform ihres Schaffens getrieben?

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